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Geschichte seit 1813.
 

Ein wertvolles Stück altes Berlin.

 

Die Geschichte des Standortes spiegelt die Geschichte Berlins.
Die Genossenschaft knüpft daran an und schlägt ein neues Kapitel auf.

 



Plan von Berlin aus dem Jahr 1838 (Ausschnitt)
mit Markierung des Geländes der späteren Brauerei Königstadt

Berlin entstand an einer Stelle, wo die Anhöhen nördlich und südlich des Urstromtales besonders nah zusammen-rücken und so den Übergang über den sumpfigen und sandigen Flusslauf der Spree ermöglichen. Berlin war eine befestigte Stadt im Tal. Vor den Toren befanden sich Felder, Wälder, königliche Jagdgebiete, Exerzierplätze, Gehöfte. Eine besonders markante Anhöhe vor dem Königstor wird seit 1750 zur Aufstellung von Windmühlen genutzt und seither Windmühlenberg genannt. 


Von 1806 bis 1813 war Berlin von Napoleons Truppen besetzt. Der König ist nach Königsberg geflohen. Nach der Niederlage der Napoleonischen Armee in Russland rückten russische Truppen  auf Berlin vor und besetzten den Windmühlenberg. Die folgende Beschießung der Stadt löste den Aufstand der Berliner gegen die französische Besatzung aus. Die Umwälzungen während und nach den Napoleonischen Kriegen und das neue Selbstbewusstsein des Bürgertums waren die Grundlage für die nun einsetzende stürmische Entwicklung Berlins. Die Bevölkerung verdoppelte sich nach den Befreiungskriegen bis 1840 auf über 400.000 Einwohner, damit stand Berlin - nach London, Paris und St. Petersburg - an vierter Stelle der europäischen Metropolen.

Das Gelände vor dem Schönhauser und dem Königstor entwickelte sich zunächst nur langsam. Die alte Zollmauer wurde erst 1867/8 abgerissen.

Kristallisationspunkte der Urbanisierung in diesem Vorstadtgebiet waren Ausflugslokale, in denen ihre geschäftstüchtige Besitzer schnell zur Produktion

untergäriger Biersorten übergingen, um den Bedarf der durstigen Berliner zu decken. Zu den ältesten jener Betriebe gehörte der Ausschank und die kleine Brauerei des Braumeisters Wagner, der 1850 ein Grundstück am Windmühlenberg erwarb.

Die zweigeschossigen Kelleranlagen des ersten Brauereigebäudes sind unter dem westlichen Gebäudeteil der "alten Mälzerei" noch erhalten. Der Ausschank orientierte sich zur Schönhauser Allee und bot einen beeindruckenden und durch keine Bebauung gestörten Ausblick auf die Stadt Berlin.

Eine ausgezeichnete Wasserqualität und die Möglichkeit, im lehmigen Boden der Anhöhen am Rande des nördlichen Spreetales tiefe und trockene Lagerkeller zu graben, waren günstige Standortfaktoren. Beides benötigte man, um das in Berlin um die Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend beliebte Bier "Bairischer" Brauart günstig zu produzieren und zu lagern.

Im politischen Vormärz erhielt die Entscheidung zwischen "obergärig" und "untergärig" noch zusätzlich eine aktuelle Dimension: Das obergärige Berliner Weißbier galt in seinem Wesen als konservativ. Lebhafter und aufgeregter ging es beim neuen modischen bayrischen Getränk zu. Die Nachfrage nach dem lagerfähigen bayrischen Bier stieg anfangs des 19. Jahrhunderts ungebrochen und in den Revolutionsjahren 1848/49 etablierte sich das Untergärige.

Vor dem Prenzlauer, Schönhauser und Königstor entstanden in kurzen Abständen mehrere bedeutende Brauereien. Im Gebiet zwischen Schönhauser Allee und Friedrichshain lassen sich schließlich mehr als ein Dutzend  nachweisen, die alle in der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts produzierten. Dazu zählten neben der Brauerei Königstadt die großen Betriebe von Pfeffer, Bötzow, Groterjan und Schultheiss.

Für die Brauerei begann der eigentliche Aufstieg mit der Gründung der "Brauerei Königstadt Aktiengesellschaft". Der siegreiche Deutsch-Französische Krieg, der 1871 zur Gründung der Deutschen Kaiserreichs führte und Berlins politische und wirtschaftliche Vormachtstellung festigte, brachte gewaltige Reparationszahlungen ins Land. Durch die neu geschaffene Möglichkeit, Aktiengesellschaften zu gründen, wurde Kapital erschlossen. Aus handwerklichen Produktionsformen wuchsen industrielle Großbetriebe. Umfangreiche Neu- und Umbauten auf dem Gelände setzten ein. Dampfmaschinen, Kältemaschinen und Generatoren konnten erworben werden. Die Produktionszahlen stiegen an.

Bildete die alte Brauerei mit dem Ausschanklokal lange nur eine Insel im agrarischen Ozean des Berliner Nordens, so wurden nun im unmittelbaren Umkreis neue Straßen trassiert und der "Aktienbauverein Königstadt" verkaufte Geländestücke der alten Feldmarken für eine Bebauung mit Mietskasernen. Die Bevölkerungszahlen von Berlin explodierten. Die Reichshauptstadt brach aus allen Nähten. Waren es 1850 noch knapp 400.000 Einwohner, so lebten 1871 schon 900.000 und 1890  fast  2 Millionen Menschen in Berlin.


Blick vom Windmühlenberg mit Hochbehälter der Berliner Wasserwerke auf die Brauerei und Berlin 1856 (nach einer Zeichnung von Th. Dethmers)

Die "Brauerei Königstadt Aktiengesellschaft" und der "Aktienbauverein Königstadt" starteten beide im selben Jahr 1871 mit ihren Geschäftsaktivitäten. Schon zwei Jahre später war die Situation an der südlichen Schönhauser Allee eine vollkommen andere. Urbanität war eingezogen. Die Namen der umliegenden Straßen zeugen bis heute vom Stolz über den Sieg in Frankreich.

Die Bevölkerung der Vorstadt war von proletarischen und kleinbürgerlichen Familien geprägt. Die Sozialdemokratie hatte in den umliegenden Wohnblöcken starken Einfluss. Nach dem Fall des Sozialistengesetzes 1880, das die Tätigkeit der Partei in Deutschland über 12 Jahre verboten hatte, feierten die Sozialdemokraten des Berliner Wahlkreises V ihren Sieg in der Brauerei Königstadt. Spitzenkandidat der Sozialdemokratie in diesem Wahlkreis war bis 1900 Wilhelm Liebknecht.

Der wachsende Bedarf und der Aufschwung nach Überwindung des Gründerkrachs drängte die Königstadt AG schon in der Mitte der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts mit Erweiterungen zu beginnen. Darre und Mälzerei wurden ausgebaut. Ein Maschinenhaus, die Flaschenabfüllung nebst Keller und zusätzliche Lagermöglichkeiten rundeten das Ensemble so ab, wie es im Wesentlichen noch heute erhalten ist. Die erhaltenen Wirtschaftsgebäude erlauben eine eindrucksvolle Sicht auf die kompletten Produktionsstufen eines hoch mechanisierten Braubetriebes am Ende des 19. Jahrhunderts.

Die Brauerei Königstadt AG bot im Ausschankbereich ein umfangreiches Angebot von Freizeitmöglichkeiten mit Kegelbahn und Karussell, das von den Bewohnern der umliegenden Mietskasernen rege genutzt wurde. Mit dem bis dato einmaligen Konzept, neben diesem Erlebnisbereich zusätzlich Einkaufszonen einzurichten und zu vermieten, schufen sie eine Diversifizierung, die heutigen Einzelhandelskonzepten vorgriff.

Der Erste Weltkrieg brachte die Brauereien durch Rohstoff- und Arbeitskräftemangel in erhebliche Schwierigkeiten, die auch nach Kriegsende nicht aufhörten. Konzentrationsprozesse setzten ein. Die Königstadt AG übertrug 1921 den Brauereibetrieb an die Kind´l-Brauerei und widmete sich nun stärker der Verwertung des Standortes am Eingang zum bevölkerungsreichen Berliner Nordosten.

Die große Ausschankhalle mit mehr als 1.500 Plätzen wurde ab 1925 für das neue Massenmedium Film zum Uraufführungskino der Ufa umgerüstet.

Der ehemalige Brauereikomplex erfuhr eine kleinteilige Nutzung durch das expandierende Kraftfahrzeuggewerbe, Fuhrbetriebe, Handwerks-, Produktions- und Lagerbetriebe. Das Eckgebäude und die Keller wurden zu Garagen ausgebaut.


Idealansicht der Brauerei Königstadt, Postkarte um 1900

Im Zweiten Weltkrieg wurde ein Teil der Keller zu Luftschutzkellern umgebaut. Der Eingang ist an der Straßburger Straße noch erhalten. In anderen Teilen der Keller wurden elektrische Bauteile für die V-Waffen und Holzvergaseranlagen für Automobile produziert.

Die Wirtschaftsgebäude kamen im Gegensatz zur Schauseite an der Schönhauser Allee relativ unbeschadet über den Zweiten Weltkrieg. Die Bombenschäden wurden schnell repariert. Die Nutzung durch kleinteilige Lager-, Fuhr- und Gewerbebetriebe setzte sich fort.

Bis zur Wende nutzte die Fahrbereitschaft des Magistrats von Ost-Berlin, Abteilungen des Staatssicherheitsdienstes sowie der VEB Reform Möbelproduktion den Gewerbehof.

Während an der Schönhauser Allee die Überreste der alten Brauerei abgebrochen wurden und nach der Wende ein großes Büro- und Geschäftshaus entstand, setzte sich im Bereich des heutigen Gewerbehofes die kleinteilige Nutzung fort. Zu den angestammten Handwerksbetrieben kamen Künstler und Medienunternehmen, die hier Raum zum Probieren fanden. Die Bewirtschaftung des Geländes erfolgte durch den Bezirk.

Verschiedene Ansätze zu einer Entwicklung des Gewerbehofes unter Einbeziehung der ansässigen  Betriebe wurden verfolgt und mündeten 2003 in den Kauf des Gewerbehofes durch die 1995 gegründete Genossenschaft Gewerbehof Saarbrücker Straße eG.

So schlägt die Genossenschaft ein neues Kapitel in der bewegten Geschichte dieses Standortes auf und bildet ein Ferment der Entwicklung Berlins zu einer lebensfähigen und lebenswerten Großstadt.
Auf dem Gelände finden regelmäßig historische Führungen durch den Hofhistoriker Dr. Martin Albrecht statt. Termine sind bei der Geschäftsstelle der Genossenschaft zu erfragen.


 

Unter dem Titel »Die Brauerei Königstadt – Industriegeschichte in Berlin-Prenzlauer Berg« haben Martin Albrecht und Stefan Klinkenberg eine ausführliche Publikation zur Geschichte des Geländes im Christoph Links Verlag veröffentlicht.

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